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© Holger Kames 2000, Letzte Aktualisierung: 25.04.2004

 Der Eisenbahnfan Holger Kames

3. Kapitel - In der Lehre (II)

Unser zweites Werkstück, ein rosettenförmiger Lüftungsschieber, war für die Aufarbeitung von Schmalspur-Personenwagen in der Werkabteilung Perleberg bestimmt. Endlich erkannten wir auch einen gewissen Nutzwert in unserer Arbeit. Später fertigten wir noch Scharniere und arbeiteten Türschlösser für die Schiebetüren von Doppelstockzügen auf. Wir wurden also schrittweise in die Produktion einbezogen bzw. herangeführt. Parallel dazu lief auch die fachbezogene theoretische Ausbildung in der Berufsschule. Diese Art der Ausbildung scheint mir auch heute noch ideal. Zuweilen folgte ich aber dem Unterricht in bestimmten Fächern nicht immer ganz so, wie es sich meine Lehrer wünschten. Besonders in den Russisch- und Gesellschaftskundestunden entwickelte ich mit dem Füllfederhalter neue Dampflokbaureihen auf kariertem Papier (ein Kästchen = ein Meter). Einer 2´D1´ h3-Schnellzuglok mit Tender 2´3 T38 wies ich die Baureihe 09 zu, einer 2´C h3-Personenzuglok mit Tender 2´2´T28 die Baureihe 26, und dann entwarf ich noch eine BR 77.10 (1´C2` h3t). Meine Spinnereien gingen soweit ins Detail, daß die 77.10 einen Kessel mit Verbrennungskammer, selbstverständlich ein Dreizylindertriebwerk, Rollenlager in Achsen und Stangen, sowie ca. 1310 PS haben sollte. Aus dieser Lok leitete ich dann noch eine BR 79.10 (1´D2´ h3t) mit ca. 1470 PS ab. Ich machte mir sogar Gedanken, wie man das hintere Treibstangenlager der "Mitte" als Rollenlager mit Fettschmierung ausbilden könne. Der Außenring sollte aus zwei passend geschliffenen und im Stoß überlappenden Hälften bestehen. Der Innenring aus ebensolchen Halbringen sollte mittels Paßstiften auf dem Hubzapfen der Kropfachse arretiert werden. Auch den Rollenkäfig plante ich zweigeteilt und demontierbar. Damit wären alle Teile des Lagers austauschbar gewesen. Als Staubschutz hatte ich Paßbleche mit Lippendichtung vorgesehen. Abnehmbare Bleche könnten dann noch den Lokrahmen nach unten abschließen. Ob meine Konstruktion in Wirklichkeit funktioniert hätte, steht natürlich auf einem anderen Blatt... Nach dem Unterricht frönte ich meinen Hobbies weiter, indem ich mich mit der Kamera an den Nordbahnhof begab und Dampfloks fotografierte.

Erstaunlich war, was in einem Raw für die Fahrzeugaufarbeitung so alles gebraucht wurde. Von der Taschenlampenbatterie bis zum Kühlschrank gab es alles... Letztendlich konnte im Raw jede Arbeit am Fahrzeug erledigt werden, bis hin zum Quasi-Neubau. Ich erinnere mich an einen LVT, der eine Kollision mit einem Armeepanzer hinter sich hatte. Totalschaden auf den ersten Blick! Aber da die Versicherung zahlen mußte, wurde der Triebwagen wieder aufgebaut! Dann entdeckte ich auf einem Stand in der Richthalle ein Kastengerippe, welches deutlich kleiner war, als das eines Eisenbahnfahrzeuges. Es war ein Bus vom Typ Ikarus 66, dessen Aufarbeitung die LPG in Auftrag gegeben hatte, die auch der Raw-Kantine die Kartoffeln lieferte. Busreparatur gegen Kartoffeln, so lief das!

Gegen Ende des ersten Lehrjahres wurden wir dann auf die einzelnen Meistereien verteilt und arbeiteten nun selbst an den Fahrzeugen. "Geht nicht, gibt´s nicht" lautete das Motto unserer Lehrfacharbeiter, wenn wir in der ersten Zeit überhaupt nicht mehr weiter wußten bei einer Arbeitsaufgabe. Und gute Lösungen hatten sie immer, die Wittenberger! Mein erster Einsatz zusammen mit dem einzigen Mädchen unserer Lehrklasse war in der Brems-Meisterei. Rohrschellen unter dem Wagenboden eines LVT abschrauben, die Rohre mit der Drahtbürste reinigen und mit Rostschutzfarbe streichen, anschließend die Schellen wieder anschrauben und dabei das Gewinde der Schrauben immer mit etwas Schmierfett versehen... am Ende des ersten Tages sahen wir aus wie die Kohlekumpel! Diese erste, ohne Murren ertragene Bewährungsprobe brachte uns die Sympathie unserer Lehrfacharbeiter ein, so daß wir nach und nach selbständiger arbeiten konnten. Einmal mußten wir an Druckluftleitungen verbrauchte Gewinde-Enden ersetzen. Die alten Enden wurden kurzerhand abgesägt und vorbereitete Rohrstücke angeschweißt. In der Schweißerei gab es eine Kollegin, die (ich weiß auch nicht, warum) irgendwie aussah wie eine Indianerin. Aber schweißen konnte sie, daß es eine Freude war, zuzusehen. Nur wenn wir sie "Tante Margot" nannten, konnte sie böse werden... Ein anderes Mal mußte ich eine ganze Palette Typhone ausprobieren. Fast jeder in der Richthalle kam, um nachzusehen wer da wohl so einen Lärm macht. Anschließend war ich bekannt wie ein bunter Hund, was auch seine Vorteile hatte. Acht Wochen lang müssen wir uns ziemlich wacker geschlagen haben, denn am Ende standen je eine Eins für Qualität, Quantität, Kenntnisse und Arbeitsweise auf unserer Lehrgangsbescheinigung. Das brachte uns im "sozialistischen Berufswettbewerb" 50,- Mark Prämie ein. Man bedenke, daß wir damals als Lehrlingsentgelt im ersten Lehrhalbjahr 100,- Mark monatlich erhielten, was sich dann bis zum sechsten Lehrhalbjahr auf enorme 150,- Mark steigerte (immer abzüglich 33,- Mark Unterbringung und Verpflegung!).

Als nächstes kamen wir in den Getriebebau, wo wir unter anderem das Elektro-Schaltgetriebe vom LVT kennenlernten. Ein wannenförmiges Bauteil aus Aluminiumguß nahm die Antriebs-, die Zwischen- und die Abtriebswelle auf und war nach oben hin mit einem Zwischenteil und einem Deckel verschlossen. Außerdem waren außen an der Getriebewanne vier kastenförmige Tragelemente zur Befestigung im Fahrzeug-Untergestell angegossen. Ein Getriebe, dessen Wanne gerissen war, mußte unbedingt aufgearbeitet werden. Neue Ersatzteile gab es jedoch schon damals nicht mehr. Also holten wir eine Getriebewanne vom Schrott und ließen ein ausgebrochenes Tragelement in der Alu-Schweißerei Schicht für Schicht neu auftragen. Anschließend hieß es wieder: feilen, feilen nochmals feilen. Aber das hatten wir ja in der Lehrwerkstatt zur Genüge geübt!

Auf den Wellen im Inneren des Getriebes befanden sich lose mitlaufende Zahnräder. Diese konnten durch elektromagnetisch betätigte Kupplungen kraftschlüssig mit den Wellen verbunden werden. Im 5. Gang (gelegentlich auch "Schnellgang" genannt) wurden lediglich die Antriebs- und die Abtriebswelle über eine Magnetkupplung direkt miteinander verbunden, da beide Wellen im Getriebe in einer Flucht hintereinander angeordnet waren. Zum Prüfen der Kupplungsspulen gab es ein besonderes Stromversorgungsgerät, welches gewöhnlich in einem Schränkchen auf einer Werkbank stand. Während ich so an einem Getriebe arbeitete, bemerkte ich vor dem Schränkchen einen Kollegen, der sich kurz nach allen Seiten umschaute, in die Hocke ging und gleich darauf wieder auftauchte. Noch dachte ich mir nichts dabei. Als aber wenig später zwei weitere Kollegen erschienen und sich ebenso merkwürdig verhielten, mußte ich der Sache auf den Grund gehen! Ich wischte beiläufig ein Guckloch auf der verdreckten Fensterscheibe hinter der bewußten Werkbank frei und meldete mich ordnungsgemäß zur Toilette ab. Kurz nachdem ich meinen Beobachtungsposten außen am Guckloch bezogen hatte, erschien doch ausgerechnet "mein" Lehrfacharbeiter! Er schaute sich in bekannter Manier kurz um, tauchte ab und öffnete dabei das Schränkchen. Darin standen in trauter Runde einige Schnapsgläschen und eine Flasche "Blauer Würger". Nun war mir alles klar! Ich klopfte von außen an die Scheibe! Das darauf folgende Erschrecken meines Lehrfacharbeiters währte indes nur kurz. Damit ich nicht "petzen" konnte (was ich selbstverständlich nie vorgehabt hätte!), "mußte" ich anschließend auch ein Gläschen leeren.

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